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Spitze im Kontext der europäischen Modegeschichte - das 16. Jahrhundert

Fünf Jahrhunderte lang ist Spitze weit mehr als nur ein dekoratives Detail. Sie ist ein textiles Statussymbol, in dem sich gesellschaftliche Hierarchien, politischer Einfluss und der Wandel der europäischen Mode vom 16. bis zum 20. Jahrhundert widerspiegeln. Die Reihe „Spitze im Kontext“ beleuchtet die Geschichte der Klöppel- und Nadelspitzen.

Das 16. Jahrhundert: Renaissance, Reformation und das sichtbare Ich

Im Zeitalter der Renaissance und der Reformation – einer Epoche des tiefgreifenden geistigen Umschwungs – wandelt sich die Mode zum Werkzeug der Selbstdarstellung. Das aufstrebende, wohlhabende Bürgertum nutzt die Kleidung zur Repräsentation, während der Adel sie zur Selbstvergewisserung einsetzt. Das modische Leitbild dieser Zeit ist die reife, würdevolle und stattliche Persönlichkeit. Wie die Forschung zeigt, inszeniert sich die Elite damit in bewusstem und unmissverständlichem Kontrast zum gemeinen Volk [1].

Eng verknüpft mit diesem gesellschaftlichen Wandel ist die Evolution des Hemdes. In der Garderobe der Oberschicht längst etabliert, wird dieses Untergewand ab etwa 1520 erstmals im modischen Erscheinungsbild sichtbar. Gefertigt aus feinstem Batist und mit einem schlichten Saum versehen, tritt es anfangs noch dezent hervor. Bald jedoch rücken der Hals- und Ärmelbereich immer weiter in den Fokus der Gestaltung – das fein gefältelte Bündchen etabliert sich als fester Bestandteil der gehobenen Kleidung.

Abb. 1: Rijksmuseum Amsterdam, Portret van Joris van Egmond, Jan van Scorel, ca. 1535 - ca. 1540.

Am Hals entwickeln sich diese Falten zu einer kleinen Krause, die über das Wams tritt, kontinuierlich an Breite gewinnt und sich schließlich als eigenständiges Kleidungsstück vom Hemd löst [2].

Die tiefere Symbolik des weißen Leinens

Es erscheint folgerichtig, dass dieses neu sichtbar gewordene Kleidungsstück nach einer Verzierung verlangt. Eine solche Dekoration unterstreicht nicht nur die Bedeutung des textilen Objekts, sondern betont unmissverständlich den sozialen Rang und die Relevanz der tragenden Person. Das weiße Hemd, gefertigt aus rein pflanzlichem Leinen oder Hanf, unterscheidet sich grundlegend von der tierischen Wolle und Seide der Oberkleidung. Analog zu den weißen Wickeltüchern der Neugeborenen und den Leichentüchern der Verstorbenen trägt das Gewand eine spirituelle Botschaft: Es erinnert daran, dass der menschliche Körper der Erde entnommen und ihr wieder zugeführt wird. Das strahlende Weiß des sichtbaren Hemdes verkörpert im kollektiven Bewusstsein die Reinheit des Menschen und die Makellosigkeit der Seele [3].

Die Entwicklung der Halskrause

Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Europa – insbesondere in Italien – herrschende Wohlstand sowie die zunehmende Bedeutung der Selbstdarstellung spiegeln sich nicht nur in hochwertigen Bekleidungsstoffen wie feiner Seide und Wolle wider. Sie zeigen sich ebenso in vielfältigen Schmuckelementen wie bestickten Bändern, Perlen, Pailletten und schließlich in der Klöppel- und Nadelspitze. Die Kostümhistorikerin Roberta Orsi Landini weist darauf hin, dass dieser ausgeprägte Wunsch nach Ausschmückung nicht nur die Designentwicklung der Spitzen maßgeblich beeinflusst, sondern diese überhaupt erst zu einem exklusiven Luxusobjekt erhebt. In dieser Epoche avancieren weiße Leinenspitzen, in noch stärkerem Maße jedoch Ausführungen aus Gold und Silber, zum Statussymbol par excellence. Während die weißen Spitzen fortan das Gesicht und die Hände rahmen und die ursprüngliche spirituelle Symbolik des Hemdes zunehmend in den Hintergrund drängen, verkörpert die Metallspitze puren materiellen Reichtum [4].

Unter der Herrschaft des Habsburgers Kaiser Karl V. steigt Spanien zur europäischen Großmacht auf, wodurch das Königreich gleichzeitig zum modischen Leitbild des Kontinents wird. Die strenge spanische Mode propagiert eine dreidimensionale, geometrische Silhouette, während Schwarz zur dominierenden Farbe der Kleidung wird. Diese charakteristische Dreiecksform findet sich in der Herren- und Damenbekleidung gleichermaßen wieder: Die Taille wird bei beiden Geschlechtern so stark eingeschnürt, dass der Oberkörper die Form eines umgedrehten Kegels annimmt. Der bodenlange Frauenrock bildet hierzu das geometrische Gegenstück und läuft analog dazu als starrer, aufrechter Kegel nach unten zu.

Abb. 2: Rijksmuseum Amsterdam, Portrait of Johanna le Maire (c. 1601-60), Nicolaes Eliasz Pickenoy, c. 1622 - c. 1629

Zum entscheidenden Modemerkmal zwischen 1560 und 1620 entwickelt sich die Halskrause. Aus der schlichten Rüsche am Hemdsaum formt sich ab 1560 ein gestärktes, röhrenförmig plissiertes Leinengebilde, das den Hals ringförmig umschließt. Die Halskrause ist nicht länger Teil des Unterhemdes, sondern fungiert als eigenständiges Kleidungsstück, das bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts enorme Ausmaße erreicht und in der Modegeschichte als „Mühlsteinkragen“ bekannt wird. Je nach Region ist diese Krause mit Spitzen besetzt oder besteht vollständig aus ihnen. In der Republik Venedig bleibt die Halskrause hingegen weitgehend unüblich; dort dominiert der große, fächerförmige Stehkragen, der sich auf den Schultern erhebt. Flämische Frauen bevorzugen eine geschlossene Halskrause mit drei oder vier Lagen feiner Klöppelspitze, während englische und französische Männer einen großen, viereckigen Kragen aus Nadelspitze wählen, der zum Nacken hin steil ansteigt. Ungeachtet dieser regionalen Vorlieben zeigt das übergeordnete Musterdesign der verwendeten Spitzen europaweit jedoch eine auffallende stilistische Verwandtschaft [5].

Portrait of Philip Ernst (1585-1629), Count of Hohenlohe zu Langenburg
workshop of Jan Antonisz van Ravesteyn, c. 1609 - c. 1633

Symmetrie im Raum: Die geometrische Struktur der frühen Flecht- und Nadelspitze

Bei der frühen Klöppelspitze handelt es sich primär um eine geometrische Flechtspitze, die stilistisch eng mit der Nadelspitze Reticella verwandt ist. Prägend sind hierbei geklöppelte Flechten, die auch Leinenschlagflächen bilden können und einem streng geometrischen Aufbau folgen. Die durchlaufenden Fäden werden aus Leinen, farbiger oder schwarzer Seide sowie aus edlen Gold- und Silberdrähten gearbeitet. Zacken, Rosetten, Sterne und Bögen auf horizontalen und vertikalen Grundlinien dominieren das gestalterische Bild. Dadurch kann die Flechtspitze je nach Ausführung ebenso kompakt wie schwerelos. Die Motive dieser Flechtspitze spiegeln sich in den italienischen Nadelspitzen des 16. Jahrhunderts wider – insbesondere in der eigentlichen Reticella-Nadelspitze, die als Vorläuferin aller Nadelspitzen gilt, sowie im freier gestalteten Punto in aria.

Verbote, Strafen und Kleiderordnungen

Die staatliche Obrigkeit in nahezu allen europäischen Ländern sieht es mit großem Missfallen, dass erhebliche Mengen an Kapital für luxuriöse Leinen-, Seiden- und Metallspitzen aufgewendet werden. Man versucht daher vehement, das Tragen von Spitzen gesetzlich zu reglementieren. Akribisch ausgearbeitete Kleiderordnungen werden erlassen: Sie behalten das Privileg oft ausschließlich königlichen Familien vor, schreiben die erlaubte Breite bis auf den Millimeter vor oder untersagen den niederen Ständen das Tragen gänzlich. Regionale Ausprägungen zeigen diese Strenge deutlich:

  • Venedig: Der jüdischen Bevölkerung wird das Tragen von weißer Nadel-, Gold- oder Silberspitze komplett untersagt. Weiße Klöppelspitze aus Leinen darf maximal vier Zentimeter breit sein; für Gesichtsschleier von Frauen ist ausschließlich schwarze Klöppelspitze gestattet.
  • Spanien: Im Jahr 1623 verbietet die Krone das Tragen von Spitzen zur Devisenschonung generell.
  • Frankreich: Die Fabrikation von Metallspitzen wird untersagt, da das Edelmetall für die Münzprägung benötigt wird. Die Folge ist ein florierender Schwarzmarkt, auf dem billiger Flitter als Feingold im Umlauf ist. Zur Abschreckung werden beschlagnahmte Waren öffentlich auf den Marktplätzen verbrannt.

Hinter diesen Luxusgesetzen stecken neben wirtschaftlichen Interessen auch tiefsitzende moralische Überzeugungen. Die katholische Kirche prangert den modischen Hochmut als Todsünde an, während der Protestantismus den Gläubigen absolute Zucht und Strenge auferlegt. Zudem herrscht die Befürchtung, dass der demonstrativ zur Schau gestellte Reichtum sozialen Neid schüren und den inneren Frieden gefährden könnte. Darüber hinaus stellt sich den Herrschenden eine existentielle soziologische Frage: Wie soll man einen Aristokraten von einem reichen Kaufmann oder einen Kaufmann von einem wohlhabenden Bauern unterscheiden, wenn alle die gleichen edlen Spitzen tragen? Am Ende des 16. Jahrhunderts ist die Spitze längst mehr als nur Schmuck oder kostbares Tuch – sie fungiert als das Statussymbol par excellence [6].

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Literatur und Anmerkungen

[1] Fehlig 1986, S. 88.
[2] Landini 2018, S. 32 ff.
[3] ebd.
[4] ebd., S. 32-34.
[5] ebd. S. 32-35; Kraatz 1989, S. 18.
[6] Kraatz 1989, S. 18-22; Thiel 2010, S. 196.

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Literaturverzeichnis:

Fehlig, Ursula/Brost, Harald: Kostümkunde. Mode im Wandel der Zeiten. Leipzig: VEB 1986.
Kraatz, Anne: Die Kunst der Spitze. Textiles Filigran. Frankfurt: Ullstein 1989.
Landini, Roberta Orsi: Die Spitze und die Mode. In: Historische Spitzen. Die Leopold-Iklé-Sammlung im Textilmuseum St. Gallen. Hrsg. Textilmuseum St. Gallen, Iklé-Frischknecht-Stifung, Arnoldsche Art Publishers. Stuttgart: Arnoldsche 2018. S. 32-43.
Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Henschel 2010.

Bildquellenverzeichnis:

Abb. 1: Rijksmuseum Amsterdam, Portret van Joris van Egmond, Jan van Scorel, ca. 1535 - ca. 1540, https://id.rijksmuseum.nl/200107983.
Abb. 2: Rijksmuseum Amsterdam, Portret van Johanna Le Maire (ca. 1601-60), Nicolaes Eliasz. Pickenoy, ca. 1622 - ca. 1629, https://id.rijksmuseum.nl/2006381.
Abb. 3: Rijksmuseum Amsterdam, Portrait of Philip Ernst (1585-1629), Count of Hohenlohe zu Langenburg, workshop of Jan Antonisz van Ravesteyn, ca. 1609 - ca. 1633, https://id.rijksmuseum.nl/20027140.

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