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Spitze im Kontext der europäischen Modegeschichte - das 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert und die Fäden der Macht: Als Spitze zum Politikum wurde

Vom 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts dominieren die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig, den europäischen Luxuswarenhandel. Durch See-, Fluss- und Landrouten sind sie mit nahezu ganz Europa verbunden. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts drängen jedoch die Niederlande, die vorwiegend mit Massenbedarfsgütern wie Getreide, Fisch, Holz und Salz agieren, in den Vordergrund.

Mit der Gründung der Ostindischen Kompanie im Jahr 1602 legen die Niederländer den Grundstein, um Venedig als führende Handelsmacht abzulösen [1]. Die rege Aktivität in den Hafenstädten Amsterdam und Antwerpen, die im 17. Jahrhundert zu den blühendsten Zentren Europas gehören, zeigt erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf die gesamte Region.

Die Produktion von Gebrauchsgütern wird intensiv angekurbelt – und damit auch die Expansion der Spitzenherstellung. Flandern, zu dieser Zeit eine niederländische Grafschaft, besitzt nicht nur das nötige Rohmaterial im Überfluss, sondern verfügt auch über ausgezeichnete Kenntnisse im Bleichen und Spinnen von Leinen. In Mecheln, Binche, Brügge und Brüssel blüht die Spitzenproduktion auf. Dort entwickeln sich spezifische Stilarten und Techniken, die mit diesen Städtenamen für immer verbunden bleiben [2].

Der Modewandel im Dreißigjährigen Krieg

Modegeschichtlich gesehen nimmt mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618 der Einfluss der strengen spanischen Etikette auf die europäische Kleidung spürbar ab. Das Militär bestimmt mehr und mehr das alltägliche Leben und somit auch die Mode, obgleich es eine einheitliche Uniform für die Soldaten nicht gibt. Erika Thiel verweist darauf, dass „die Schärpe [.] das einzige „Uniform“- und Rangabzeichen [ist] [2].

Die Ära der monumentalen, vielfach gefältelten Halskrause endet und macht einer schlichteren Kragenform Platz. Große, flache Kragen, die sich um die Schultern legen, werden populär und von Frauen wie Männern gleichermaßen getragen. Schwere und sehr dichte Spitzen verdrängen nun die streng geometrischen Musterungen und die spitzzackigen Borten der frühen Flechtspitze. Die außerordentlich vielseitige flandrische Leinenschlagspitze, die wahlweise mit durchlaufenden oder mit zu- und abnehmenden Fäden gearbeitet wird, begründet den weltweiten Ruhm der flandrischen Spitzenindustrie.

Florale Pracht und modische Asymmetrie

Inspiriert von den botanischen Importen aus Übersee finden nun verstärkt naturalistische Elemente Einzug in das Design. Herrliche Barockranken, florale Motive sowie Tier- und Menschendarstellungen, die kunstvoll mit Stegen, Ösen und Picots verbunden sind, prägen das textile Bild. Da die Muster häufig hochkomplex und sehr großformatig sind, wird diese Spitze in einzelnen Teilen gearbeitet.

Verwendung findet sie in vielfältigen modischen Bereichen:

  • Als breite Manschette an Damen- und Herrenärmeln
  • An Taschentüchern, Fächern und Handschuhen
  • An Schuhen sowie den Stulpen der Herrenstiefel
  • Auf luxuriösen kirchlichen Textilien

Kaum eine Klöppelspitze erlangt eine größere Berühmtheit. Im Vergleich zu den Männern tragen Frauen insbesondere zwischen 1630 und 1650 jedoch deutlich weniger Spitzen; oft besteht ihr einziger Besatz aus einem weiten Kragen oder einem spitzenverzierten Schulterumhang [4].

Innovationsmangel und das Aufblühen des Schmuggels

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts existiert in Frankreich noch keine nennenswerte eigene Spitzenindustrie. Es werden zwar in Zentren wie Calais, Lille, Alençon oder Le Puy-en-Velay Nadel- und Klöppelspitzen gefertigt, doch die von der hochmodischen Oberschicht geforderten Qualitäten lassen sich im Inland noch nicht produzieren.

Trotz strenger Luxusverbote und hoher Einfuhrzölle fließt deshalb kontinuierlich französisches Kapital nach Flandern und Italien ab, während das Schmuggelwesen florierte. Die Händler entwickeln dabei hochkreative Methoden:

  • Hundeschmuggel: Abgemagerten Hunden werden Spitzen um den Körper gewickelt, die unter einem zweiten, größeren Hundefell versteckt sind.
  • Scheinbegräbnisse: Die kostbare Ware wird in Leichensärgen heimlich über die Grenzen transportiert.

Italien wiederum kann der Dynamik der flandrischen Klöppelspitze zunächst wenig entgegensetzen, da es an gestalterischer Innovation fehlt. Die italienischen Klöppelspitzenerzeugnisse sind zwar weit verbreitet, doch es mangelt ihnen im Vergleich zur flandrischen Konkurrenz an künstlerischer und wirtschaftlicher Energie, weshalb flandrische Waren auch in Italien in beträchtlicher Menge importiert werden [5].

Das fulminante Comeback Venedigs

Um 1650 erscheint jedoch eine völlig neue Spitzenart auf dem Markt: der Gros Point de Venise – eine Nadelspitze mit einem ausgeprägten, plastischen Relief. Damit melden sich die venezianischen Spitzenarbeiterinnen eindrucksvoll zurück. Nun prägen nicht mehr abstrakte Formen oder stilisierte Tiere die Spitzenmode, sondern große, blütenbesetzte Ranken in Gestalt einer fortlaufenden, dynamischen Kurve.

Diese schwere Spitze tragen Frauen als Schulterumhang, als Schärpe auf dem Kopf oder als Unterrockverzierung, während Männer sie als Kragen oder Manschetten nutzen. Zudem dient sie verstärkt der Dekoration luxuriöser Einrichtungsgegenstände [6].

Frankreichs Aufstieg und der merkantilistische Wirtschaftskrieg

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts tritt Frankreich unter der absolutistischen Herrschaft von Ludwig XIV. nicht nur die politische und kulturelle Führung in Europa an, sondern dominiert fortan auch die Modewelt. Die mächtigen Allongeperücken dieser Ära bedecken jedoch die großen Spitzenkragen der Herren, sodass deren dekorative Wirkung verloren geht.

Infolgedessen schrumpft der Kragen zunächst an den Seiten und im Nacken zusammen, bis lediglich ein in Falten gelegter Streifen an der Vorderseite übrigbleibt. Dessen Enden verlängern sich kontinuierlich, woraus sich das Halstuch und schließlich die Krawatte entwickeln. Bei den Frauen hingegen schmücken Spitzen nun tief ausgeschnittene Dekolletés, rahmen als Rüschen die halblangen Ärmel und zieren den üppigen Kopfputz. Die hochaufgebauten Damenfrisuren, die sogenannte Fontange, erhalten Hauben mit herabhängenden Bändern – den Barben –, welche einen idealen Blickfang für die neuesten Spitzenkreationen bieten [7].

Das Gold des Absolutismus

Für die französische Wirtschaft besitzen Luxustextilien eine herausragende, strategische Bedeutung. Der Finanz- und Handelsminister Jean-Baptiste Colbert formuliert das merkantilistische Prinzip treffend: „Wenn Spaniens Macht das Gold Mexikos war, so haben wir das Gold im eigenen Lande, in den französischen Moden und kostbaren Samten, Seiden und Spitzen.“ [8]. Zwischen Venedig und Frankreich kommt es daher zu harten Handelskonflikten, geprägt von Industriespionage, Geheimagenten, verschlüsselten Briefen und der gezielten Abwerbung von Fachkräften. Seit den dreißiger Jahren des 17. Jh. werden nahezu jährlich Gesetze erlassen, die die Verwendung von Spitzen entweder verbieten oder einschränken (In einem gesonderten Blogbeitrag werde ich auf die sogenannten Luxusedikte (loi somptuaire) eingehen). Doch die immense Nachfrage der Eliten zwingt Frankreich dazu, das Luxusgut „Spitze“ weiterhin massenhaft aus Venedig zu importieren [9].

Weil die Einfuhr der schönsten Spitzen aus Venedig erhebliche Summen verschlingt, begreift Colbert, dass die Lösung nicht in repressiven Kleiderordnungen liegt. Er setzt stattdessen auf die gezielte Förderung einheimischer Produktionsstätten.

Infolge der verstreuten und schlecht strukturierten Gewerbezentren in Frankreich fehlt es zu dieser Zeit jedoch an einem einheitlichen Stil. Colbert veranlasst daher die Errichtung königlicher Spitzenmanufakturen unter anderem in Reims, Arras, Alençon, Aurillac und Sedan. Diese Betriebe erhalten staatliche Zuschüsse, sind abgaben- und steuerfrei und besitzen ein zehnjähriges Monopol auf die Spitzenproduktion. Sämtliche dort hergestellten Erzeugnisse müssen unter der geschützten Bezeichnung Poinct de France, so Anne Kraatz, vertrieben werden [10].

Das Ringen um das Know-how

Um das qualitative Niveau der Konkurrenz aus Venedig und Flandern zu erreichen, wirbt Frankreich gezielt Spitzenmacherinnen ab: Etwa 30 Fachkräfte aus Venedig und rund 200 aus Flandern übersiedeln in die französischen Manufakturen, angelockt durch die sofortige Verleihung der französischen Staatsbürgerschaft. Venedig versucht, diesem Exodus entgegenzuwirken, und erlässt ein Dekret, das den geflüchteten Arbeiterinnen bei Verweigerung der Rückkehr die Hinrichtung wegen Vaterlandsverrats androht.

Dennoch fehlt es in den französischen Manufakturen anfangs an technologischem Know-how – ein Mangel, den auch die intensive Industriespionage kaum kaschieren kann. Im Zeitraum zwischen 1660 und 1670 unterscheiden sich die französischen und die venezianischen Nadelspitzen optisch kaum voneinander, während die in Frankreich gefertigten Klöppelspitzen den flandrischen Vorbildern stark gleichen [11].

Frankreichs Weg zum eigenen Stil

Colbert beabsichtigt jedoch keineswegs, fremde Stile lediglich zu kopieren; sein Ziel ist eine eigenständige französische Kreation. In Paris wird daher eine Modellwerkstatt eröffnet, in der Hofkünstler und Maler exklusive Entwürfe für französische Spitzen anfertigen. Da diese Entwürfe ausschließlich in den königlichen Manufakturen hergestellt und vertrieben werden dürfen, sinken die Einnahmen der freischaffenden Spitzenarbeiterinnen, was wiederum den Schwarzhandel befördert.

Der Triumph des Point de France und das Comeback der Klöppelspitze

Innerhalb von zehn Jahren gelingt schließlich die Entwicklung einer völlig neuartigen Nadelspitze: der Point de France. Die großen Reliefs der venezianischen Vorbilder fallen nun weg. Stattdessen dominiert ein Geflecht aus großen, sechseckigen Maschen, die mit straffen Knopflochstichen versehen und an allen Seiten mit feinen Picots besetzt sind.

Der Point de France erzielt einen so immensen Erfolg, dass er sehr bald sogar in Venedig selbst kopiert und gefertigt wird. Diese neue Nadelspitze ziert Kragen, Krawatten, Hauben sowie Schürzen, schmückt als Spitzenvolant die Toilettentische der Oberschicht und dient der Verzierung liturgischer Gewänder.

Im Preis ist diese Textilkunst hochexklusiv: Ludwig XIV. kauft beispielsweise im Juli 1666 für die astronomische Summe von 18.491 Livres Point de France-Spitzen.

Ein historischer Preisvergleich veranschaulicht dieses Luxus:

•          18.491 Livres: Das Spitzen-Budget des Königs im Juli 1666

•          11.200 Livres: Das gesamte Jahresgehalt des ersten Hofmalers Charles Le Brun

•          8.000 Livres: Ein Prunkmöbel des berühmten Kunsttischlers André-Charles Boulle

Wirtschaftliche Einbrüche und das flandrische Erbe

Am Ende des 17. Jahrhunderts – nachdem die Nadelspitzen Gros Point de Venise und Point de France fast 50 Jahre lang den Markt dominiert haben – erobern die Klöppelspitzen das Terrain zurück. Mit der Aufhebung des Edikts von Nantes [12] durch den französischen König im Jahr 1685 schrumpft die französische Produktion drastisch, da mit der Flucht der Hugenotten auch zahlreiche protestantische Spitzenarbeiterinnen und deren Fachwissen das Land verlassen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Absatzmarkt für die schweren Nadelspitzen sukzessive einbricht und England im Jahr 1698 ein striktes Einfuhrverbot für französische Spitzen erlässt [13]. Die Niederlande hingegen ist nicht betroffen, da sie den Engländern im Gegenzug erfolgreich mit einem Einfuhrverbot für englische Wolle drohen. Flandern profitiert von dieser handelspolitischen Ausnahmeregelung in erheblichem Maße und festigt seine Vormachtstellung im europäischen Spitzengewerbe [14].

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Literatur und Anmerkungen

[1] Pach 1969, S. 179-189.
[2] Kraatz 1989, S. 36-52.
[3] Thiel 2010, S. 211-212.
[4] Mayerhofer-Llanes 2014, S. 14; Schuette 1981, S. 59f.; Schöner 2003, S. 68-73; Kraatz 1989, S. 42.
[5] Schuette 1981, S. 131-134.
[6] Kraatz 1989, S. 42-45.
[7] Mayerhofer-Llanes 2014, S. 16.
[8] Bombek 2005, S. 235.
[9] Thiel 2010, S. 225.
[10] Kraatz 1989, S. 36-52.
[11] ebd.; Schuette 1981, S. 134.
[12] Das Edikt von Nantes vom 13.04.1598 gewährte den calvinistischen Protestanten im katholischen Frankreich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte. Staatsreligion blieb der Katholizismus. Am 18.10.1685 widerrief Ludwig XIV.
[13] Kraatz 1989, S. 36-52.
[[14] Dreger 1901, S. 52.

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Literaturverzeichnis

Bombek, Marita: Kleider der Vernunft. Die Vorgeschichte bürgerlicher Präsentation und Repräsentation in der Kleidung (Kleidungskultur. Band 2). Münster: LIT Verlag 2005.

Dreger, Moritz: Entwicklungsgeschichte der Spitze. Wien: Anton Schroll & Co. 1901.

Kraatz, Anne: Die Kunst der Spitze. Textiles Filigran. Frankfurt: Ullstein 1989.

Mayerhofer-Llanes Dr, Andrea: Spitze in der Mode vom 16.-20. Jahrhundert. In: Spitze kleidet. Deutscher Klöppelverband e.V. Übach-Palenberg 2014.

Pach, Zs. P.: Zur Geschichte der internationalen Handelswege und des Handelskapitals vom 15. bis 17. Jahrhundert. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1969/III. S. 179-189.

Schöner, Friedrich: Schönheit der Spitzen in Durchsicht und Draufsicht. Leitfaden ihrer Arten und Ornamente im Wandel von Zeit und Landschaft. Wien: Österreichischer Kunst- und Kulturverlag 2003.

Schuette, Marie: Alte Spitzen. Nadel- und Klöppelspitzen. München: Klinkhardt & Biermann GmbH 1981.

Thiel, Erika: Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig: Henschel 2010.

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