Blog / lace.art.history / R. Bühler

Spitze im Kontext der europäischen Modegeschichte - das 20. Jahrhundert

Fünf Jahrhunderte lang ist Spitze weit mehr als nur ein dekoratives Detail. Sie ist ein textiles Statussymbol, in dem sich gesellschaftliche Hierarchien, politischer Einfluss und der Wandel der europäischen Mode vom 16. bis zum 21. Jahrhundert widerspiegeln. Die Reihe „Spitze im Kontext“ erzählt die Geschichte der Klöppel- und Nadelspitzen.

Das 20. Jahrhundert: Der Überlebenskampf eines textilen Statussymbols

Um 1890 erlebt die handgearbeitete Spitze einen großen Boom. Die Nachfrage ist kaum zu bewältigen. Die logische Konsequenz: Unter dem immensen Zeitdruck leidet die Qualität, und traditionelle Qualitätsansprüche existieren im Massengeschäft kaum noch. Die traditionelle Kundschaft – allen voran der Adel – wendet sich enttäuscht ab und sucht Zuflucht bei echten, historischen Spitzen.

Gleichzeitig drängt die industrielle Maschineware auf den Markt. Da nun plötzlich jede einfache Arbeiterin in einem Kleid aus Maschinenspitze wie eine Adlige aussehen kann, verschwimmt das einstige Gütesiegel „handgemacht“. Der enorme Preisunterschied zur billigen Fabrikware lässt sich optisch kaum mehr rechtfertigen. Um das Begehren nach historischer Authentizität zu bedienen und den hohen Preis zu legitimieren, formiert sich ein absurdes Täuschungsphänomen: Neue Spitzen werden mittels Tees, Kaffeesatz oder Zwiebelsud künstlich auf alt getrimmt.

Der Einzug in die Museen und die Krise im Handwerk

Diese Sehnsucht nach dem „echten“ Alten mündet schließlich in der Institutionalisierung der Spitzenkunst. Führende europäische Museen – wie das Pariser Musée de Cluny, das Victoria and Albert Museum in London, das Musée historique des tissus in Lyon sowie die Kunstmuseen in Düsseldorf und Leipzig – erwerben renommierte Privatsammlungen. Damit überführen sie das historische Handwerk endgültig in den musealen Kanon. Zwischen 1890 und dem Ersten Weltkrieg findet zudem nahezu jährlich in den europäischen Hauptstädten eine „Frauenkunst“-Ausstellung statt, die der Spitze und Stickerei eine große Bühne bietet. Doch der Aufstieg zur anerkannten Kunstform hat eine Kehrseite: Das traditionelle Handwerk spaltet sich. Während Sammler alte Stücke jagen, kämpfen gewerbsmäßige Klöpplerinnen ums Überleben. Ihre einfachen Arbeiten mit geläufigen Mustern gelten nicht als Kunst, können kaum noch mit der Maschinenspitze konkurrieren und ernähren ihre Herstellerinnen kaum [1].

Die Rettung durch die Avantgarde: Das Ornamentgenie Dagobert Peche

In dieser Krise kommt es in Frankreich und Österreich zu einer radikalen künstlerischen Wiederbelebung. Das Epizentrum dieser Bewegung liegt in der Wiener Werkstätte. Während dort zunächst unter der Leitung von Johann und Mathilde Hrdlicka moderne Spitzen entstehen, bringt der Eintritt des Architekten Dagobert Peche im Jahr 1915 eine ästhetische Revolution.

Peche, das unbestrittene „Ornamentgenie“, bricht mit der strengen Geometrie seiner Vorgänger und bringt Opulenz, Fantasie und eine fast rauschhafte Verspieltheit in die Spitzenabteilung. Er nähert sich dem Textil nicht als klassischer Handwerker, sondern als visionärer Grafiker. Seine Entwürfe ignorieren die traditionellen, endlosen Musterbänder. Stattdessen begreift er das Fadennetz als Leinwand für figürliche Spitzenbilder.

Abb. 1: Foto: Eigene Aufnahme

Mit den klassischen Blumenmotiven vergangener Tage bricht er radikal. In seinen Arbeiten erweckt er stilisierte Akte, mythologische Szenen mit Nymphen sowie barock anmutende, dynamische Tierdarstellungen zum Leben. Die Spitze wird unter Peche vom bloßen Kleiderbesatz zum autonomen Kunstobjekt erhoben, das oft wie ein Gemälde gerahmt an der Wand hängt [2].

Auch außerhalb Wiens regt sich kreativer Widerstand gegen den Verfall des Handwerks: In Frankreich tun sich Spitzenschöpfer aus Le Puy, Issoire und Bayeux hervor. In Deutschland macht sich Leni Matthei mit ihren innovativen Klöppelapplikationen im strengen Bauhaus-Stil einen Namen [3].

Belgien und der Erste Weltkrieg: Die Geburt der „War Lace“

Ganz andere Wege geht man während des Ersten Weltkriegs in Belgien. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen bricht die dortige Wirtschaft über Nacht zusammen. Rohstoffe fehlen, der Export ist blockiert und über 50.000 Klöpplerinnen stehen vor dem Nichts. Was folgt, ist eine der faszinierendsten humanitären Rettungsaktionen der Moderne: die Geburt der sogenannten „Kriegsspitzen“ (War Lace).

Um eine drohende Massenarmut und eine wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern, formiert sich unter der Schirmherrschaft der belgischen Königin Elisabeth das Belgische Spitzenkomitee. Dieses verbündet sich mit der internationalen Commission for Relief in Belgium (CRB), geleitet vom späteren US-Präsidenten Herbert Hoover.

Hoover gelingt ein diplomatisches Meisterstück: Er handelt mit den verfeindeten Kriegsparteien England und Deutschland ein Sonderabkommen aus. Das Ergebnis: Hochwertiges Garn darf trotz Seeblockade nach Belgien importiert werden – unter der Bedingung, dass die fertigen Spitzen exklusiv in neutrale oder alliierte Staaten exportiert werden. Die Spitzenproduktion wird zum staatlich geschützten Rettungsprogramm. Arbeit statt Almosen lautet die Devise.

Abb. 2: Smithsonian Institut CC0: Isidore de Rudder Designed Pillow Top.

Wenn Fäden Politik machen: Die Symbolik der Kriegsspitze

Die War Lace bricht radikal mit den klassischen, zeitlosen Mustern der Vergangenheit. Renommierte belgische Künstler wie Fernand Khnopff werden engagiert, um Entwürfe zu zeichnen, die den Zeitgeist dokumentieren. Die Spitze wird hochgradig politisch, patriotisch und erzählerisch. Geklöppelt werden keine abstrakten Blumenarrangements mehr, sondern handfeste Botschaften:

  • Wappen und Löwen: Die Decken und Kragen zeigen die Wappen der alliierten Nationen (wie der USA, Frankreichs und Großbritanniens) oder die Symbole jener belgischen Städte, die unter der Besatzung am schwersten gelitten haben (wie Ypern oder Löwen).
  • Dankesbekundungen: Als Zeichen der Dankbarkeit für die Lebensmittelhilfen fließen amerikanische Adler, Freiheitsgöttinnen und Porträts von US-Politikern in die Muster ein.
  • Historische Dokumentation: Die Textilien tragen eingeklöppelte Jahreszahlen (1914–1918), Inschriften und die Monogramme des belgischen Königspaares Albert und Elisabeth.

Dieses geschickte „Kriegs-Marketing“ trifft mitten ins Herz des amerikanischen und britischen Luxusmarktes. Wohlhabende Frauen kaufen die kostbaren Stücke teils aus Bewunderung für das Handwerk, vor allem aber als Akt der politischen Solidarität. Das Projekt spült während der Kriegsjahre Millionen Dollar nach Belgien und sichert über Jahre das Überleben von Zehntausenden Familien [4].

Die Globalisierung des Handwerks ab den 1920ern

Ab den 1920er-Jahren verlagert sich die Produktion der handgearbeiteten Ware drastisch. Die Herstellung wandert größtenteils in die französischen und englischen Kolonien aus:

  • Venezianische Spitzen entstehen in Tunesien, Algerien, Madagaskar und Vietnam.
  • Cluny- und Malteserspitzen kommen meist aus Indien.
  • Mailänder und Brüsseler Spitzen werden vorwiegend in China angefertigt [5].

Das Nachkriegszeitalter: Das Ende einer Industrie und das bleibende Klischee

Der Zweite Weltkrieg bedeutet für die traditionelle, kommerzielle Spitzenarbeit in Europa endgültig das Ende. Die globalisierten Produktionsketten brechen ab, und die maschinelle Fertigung übernimmt den Markt nun vollständig. Fortan löst sich das aufwendige Handwerk komplett von seiner alten, wirtschaftlichen Funktion. Spitze wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts primär zum privaten Vergnügen, für den Eigengebrauch in der Freizeit oder als Nischenhobby hergestellt.

Obwohl visionäre Entwürfe wie jene der Wiener Werkstätte in den Museen als Hochkultur überdauern, zementiert sich im kollektiven Gedächtnis des späten 20. Jahrhunderts ein stereotypes Image: Die mühsame, zeitintensive Handarbeit des Klöppelns wird im Alltag fast nur noch mit den verstaubten, bürgerlichen Deckchen auf Omas Couchtisch verknüpft. Das einst mächtige textile Statussymbol scheint endgültig in der Bedeutungslosigkeit der Nostalgie versunken zu sein.

Schlussbetrachtung

Das 20. Jahrhundert besiegelt das Schicksal der handgearbeiteten Spitze als wirtschaftlich tragfähiges Statussymbol und transformiert sie grundlegend. Was als verzweifelter Kampf gegen den Qualitätsverfall des Massengeschäfts und die Übermacht der Industrieware beginnt, offenbart eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit: Das Handwerk wird von der Avantgarde der Wiener Werkstätte zum autonomen Kunstobjekt erhoben und im Ersten Weltkrieg als „War Lace“ strategisch für humanitäre Hilfsprogramme sowie politische Symbolik genutzt. Doch weder die künstlerischen Reformen noch die globale Auslagerung der Produktion in den 1920er-Jahren halten den kommerziellen Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Der Weg des Textils führt unaufhaltsam weg vom royalen Prunkkleid und mündet in einer extremen Polarisierung: Während meisterhafte Entwürfe als Hochkultur im Museum überdauern, überlebt die Praxis des Handwerks im kollektiven Gedächtnis des späten 20. Jahrhunderts fast nur noch als verstaubtes Freizeit-Klischee auf Omas Couchtisch. Mit dem Anbruch des 21. Jahrhunderts jedoch finden sich neue Wege in die textile Moderne.

Zurück zur Artikelübersicht

---------------------------------------------------------------------

Literatur

[1] Kraatz 1989, S. 151-179.
[2] Lang 2016, S. 9 – 24.
[3] Kraatz 1989, S. 151-179.
[4] vgl. Wiertz 2022; vgl.  Cooreman & McMillan 2024; vgl. Warlace@Kantkieper.
[5] Kraatz 1989, S. 151-179.

---------------------------------------------------------------------

Literaturverzeichnis

Cooreman, Ria & McMillan Evelyn: Belgian War Lace 1914-1918. The Collection of the Royal Museums of Art and History, Brussel 2024.
Kraatz, Anne: Die Kunst der Spitze. Textiles Filigran. Frankfurt: Ullstein 1989.
Lang, Hartmut: Die Spitzen der Wiener Werkstätte. Dagobert Peche. Gammelby: Barbara Fay 2016.
Lacegroup „De Kersecorf“: Warlace@Kantkieper (Broschüre zur namensgleichen Ausstellung) Ypern 2018.
Wiertz, Wendy: War Lace: Women, Food Aid and Patriotism during the First World War (1914-1918), Phoebus Focus Reihe Nr. 29, Antwerpen 2022.

Bildquellenverzeichnis

Abb. 1: Foto: Eigene Aufnahme
Abb. 2: National Museum of American History, Smithsonian Institution, Isidore de Rudder Designed Pillow Top, https://americanhistory.si.edu/collections/object/nmah_620677, Online-Aufruf am 09.08.2026.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.